Servieren und Lagern

Was die Tränen am Weinglas wirklich bedeuten

Beim Schwenken bleiben an der Innenwand des Glases feine Flüssigkeitsfäden zurück, die langsam nach unten laufen. Diese Schlieren – auch Tränen oder Kirchenfenster genannt – entstehen durch den Alkohol im Wein. Fachleute bezeichnen sie als Marangoni-Effekt. Über die Weinqualität sagen sie nichts. Einen gesicherten Zusammenhang zwischen Tränen und Weinqualität gibt es nicht.

Der Marangoni-Effekt

Wein ist eine Mischung aus Wasser und Alkohol. Beim Schwenken bildet er an der Glaswand einen dünnen Film, in dem der Alkohol schneller verdunstet als das Wasser. Dadurch steigt die Oberflächenspannung im oberen Teil des Films an. Um den Unterschied auszugleichen, wandert Wein aus dem Glasinneren die Wand hinauf, während die Schwerkraft die Flüssigkeit gleichzeitig nach unten zieht. Aus diesem Zusammenspiel entstehen die Tränen, die Sie am Glasrand beobachten.

Beschrieben wurde der Effekt schon Mitte des 19. Jahrhunderts. Benannt ist er nach dem italienischen Physiker Carlo Marangoni, der die zugrunde liegende Oberflächenspannung erforschte.

Warum Glycerin keine Rolle spielt

In manchen Erklärungen taucht Glycerin als angebliche Ursache der Tränen auf. Glycerin ist ein natürlicher Bestandteil des Weins, aber es hat mit den Tränen nichts zu tun. Die Tränen entstehen durch das Zusammenspiel von Alkohol, Wasser, Verdunstung und Oberflächenspannung. Wenn Sie das nächste Mal Schlieren im Glas sehen, liegt das am Alkohol, nicht an der Glycerinmenge.

Was die Tränen-Physik offen lässt

Die klassische Erklärung mit Verdunstung, Oberflächenspannung und Schwerkraft ist nach Ansicht von Mathematikern nicht vollständig. Eine Analyse in der Fachzeitschrift Physical Review Fluids ergänzt das bisherige Modell. Die genaue Physik der Tränen ist bis heute nicht vollständig geklärt. Für den Weintrinker ändert das nichts. Das Phänomen ist real, leicht zu beobachten und in jedem Weinglas mit Alkohol zu sehen.

Was Sie aus den Tränen ablesen können

Die Tränen zeigen Ihnen, dass der Wein Alkohol enthält. Eine verlässliche Aussage über die Qualität bekommen Sie daraus nicht. Ob ein Wein gut schmeckt, ob er reif ist oder ob er sein Geld wert ist, können Sie daraus nicht ablesen. Dafür brauchen Sie Nase und Gaumen. Beobachten Sie die Tränen ruhig als Teil des Weingenusses, aber treffen Sie Ihr Urteil über den Wein mit Geruch und Geschmack.