Verkosten und Grundwissen

Weinwissen für Fortgeschrittene: Reifung und Terroir

Klima und Boden prägen das Terroir. Ebenso wirken Landschaft, Lebewesen und Weinbau daran mit. Während der Reifung verändern chemische Reaktionen und Sauerstoff den Wein. Im Fass gibt auch das Holz Stoffe an den Wein ab. Terroir und Reifung prägen den Geschmack, bedeuten aber nicht automatisch eine höhere Qualität.

Um einen Wein einzuschätzen, betrachten Sie die Bedingungen für die Rebe, die Vorgänge im Fass oder in der Flasche und die Unterschiede, die Sie im Glas schmecken.

Terroir umfasst mehr als Boden

Die Internationale Organisation für Rebe und Wein beschreibt Terroir als Gebiet, in dem die physische und biologische Umgebung mit dem Wissen und den Praktiken des Weinbaus zusammenwirkt. Dazu gehören Boden und Gelände ebenso wie Klima und Landschaft. Auch die Vielfalt der Lebewesen zählt dazu. Die Definition beschreibt einen Zusammenhang; sie ist keine rechtliche Herkunftsbezeichnung.

Das heißt für Sie: Eine Schieferlage oder ein Kalkboden erklärt einen Wein nicht allein. Das Klima beeinflusst die Rebe und die Reife der Trauben besonders deutlich. Der Boden wirkt unter anderem darauf, wie viel Wasser die Rebe bekommt und wie sie wächst. Auch die Bewirtschaftung der Reben und die Arbeit im Keller beeinflussen, wie deutlich sich der Standort im fertigen Wein zeigt.

„Mineralisch“ beschreibt einen Eindruck beim Riechen oder Schmecken, etwa von Salz, Stein oder Rauch. Das bedeutet nicht, dass der Wein den Geschmack des Gesteins direkt übernommen hat. Ein einfacher, allgemein belegter Zusammenhang zwischen dem Ausgangsgestein und einem bestimmten Aroma ist nicht nachgewiesen.

Boden wirkt über die Rebe

Der Boden beeinflusst vor allem die Bedingungen, unter denen die Rebe wächst. Seine Struktur und sein Wasserhaushalt bestimmen mit, wie viel Wasser die Rebe bekommt und wie sie wächst und Trauben reift. Derselbe Bodentyp erlaubt keine verlässliche Vorhersage eines bestimmten Aromaprofils.

Auch kleinräumige Unterschiede lassen sich schwer isoliert betrachten. Ein Weinberg unterscheidet sich nicht nur im Boden, sondern auch in Klima, Bewirtschaftung und Gelände. Wenn Sie eine Terroir-Aussage prüfen, fragen Sie daher nach dem beschriebenen Wirkungsweg: Geht es um Wasserhaushalt, Reifeverlauf oder nachweisbare Weinmerkmale? Eine bloße Verbindung zwischen Gesteinsname und Aromawort bleibt eine Deutung.

Jahrgang und Ausbau prägen Standortunterschiede

Standortunterschiede können sich in Messwerten und sensorischen Eindrücken zeigen, treten aber nicht in jedem Jahr gleich deutlich hervor. Eine Untersuchung mit Riesling umfasste bis zu 105 Proben von 24 Weinbergsstandorten aus fünf Jahrgängen. Die kombinierten Boden- und Klimadaten erklärten in den ersten beiden statistischen Auswertungsdimensionen 48 Prozent der Unterschiede in den Sinneseindrücken. Die Studie zeigte auch, dass sich die Standorte bei individueller Weinbereitung stärker voneinander unterscheiden konnten als bei standardisierter Weinbereitung.

Eine Untersuchung im Chianti Classico verglich drei Jahrgänge mit deutlich unterschiedlichen Wetterbedingungen. Standortunterschiede waren nicht über alle Jahrgänge hinweg gleich stabil; in einem feuchten Jahr fielen sie weniger deutlich aus. Diese Ergebnisse gelten für die untersuchten Orte, Rebsorten und Jahrgänge. Sie liefern keine allgemeine Formel, mit der sich der Geschmack eines Weins aus seiner Herkunft vorhersagen lässt.

Wenn Sie den Einfluss des Standorts einschätzen möchten, vergleichen Sie Weine aus demselben Jahrgang und derselben Rebsorte. Achten Sie auch auf den Ausbau: Fass, Gärung und andere Entscheidungen im Keller können Unterschiede verstärken oder überdecken.

Fass und Flasche reifen anders

Im Fass wirken Sauerstoffkontakt und Holzbestandteile zusammen. Das Holz gibt Stoffe an den Wein ab. Zugleich verändern chemische Reaktionen die Farbe, die Phenole, also bestimmte Inhaltsstoffe des Weins, und die Aromen. Das Ergebnis hängt von der Eichenart und vom Röstgrad des Holzes ab. Auch Fassgröße und Dauer beeinflussen es. Der Begriff „Fassreife“ allein sagt deshalb wenig über den Stil aus. Die Internationale Organisation für Rebe und Wein nennt in ihrem önologischen Regelwerk Fässer bis 600 Liter als Empfehlung für eine effiziente Reifung in kleinen Holzgebinden. Das ist eine technische Empfehlung, keine allgemeine Vorschrift für alle Weinregionen.

In der Flasche reift der Wein ohne weiteren Kontakt mit Holz. Reaktionen im Wein und der verfügbare Sauerstoff verändern Aroma, Farbe und Mundgefühl. Bei Rotweinen kann die Adstringenz, also das trocknende Gefühl im Mund, mit der Zeit abnehmen. Zu viel Sauerstoff oder ungeeignete Lagerung führt dagegen zu Oxidation, Bräunung, Verlust von Fruchtaromen oder Fehlgerüchen.

Auch der Verschluss gehört zu den Bedingungen: Sauerstoff kann schon vor der Abfüllung im Wein oder im Flaschenhals vorhanden sein. Nach der Abfüllung hängt weiterer Eintrag unter anderem davon ab, wie durchlässig der Verschluss ist. Die Flasche beeinflusst die Entwicklung also mit, statt sie lediglich aufzubewahren.

Sauerstoff bei der Weinreifung kontrollieren

Sauerstoff wirkt je nach Menge und Zeitpunkt unterschiedlich; auch die Zusammensetzung des Weins spielt eine Rolle. Im Weinkeller wird er gezielt eingesetzt. Bei der Mikrooxygenierung, einer kontrollierten Sauerstoffzufuhr während der Reifung roter Weine, empfiehlt die Internationale Organisation für Rebe und Wein für bestimmte Ziele etwa 1 bis 5 Milligramm pro Liter und Monat. Die passende Menge richtet sich unter anderem nach dem Gehalt an Anthocyanen, den roten Farbstoffen im Wein. Auch weitere Polyphenole und freies Schwefeldioxid spielen eine Rolle.

Diese Kellertechnik ist nicht mit dem Belüften einer geöffneten Flasche gleichzusetzen. Sie zeigt vielmehr, wie genau der Sauerstoffeintrag gesteuert werden muss. Wenn Sie einen Wein dekantieren, beurteilen Sie ihn deshalb im Glas über die Zeit: Ein sich öffnendes Aroma ist erwünscht, ein rascher Verlust von Frucht oder Frische nicht.

Weinlagerung begrenzt die Reifung

Eine Fachübersicht nennt 15 bis 17 °C als Richtwert für die Weinlagerung. Temperaturen über 20 °C können Oxidationsreaktionen beschleunigen. Der Bereich ist keine Garantie für eine bestimmte Reifung, denn auch Temperaturschwankungen, Licht, Verschluss und Zusammensetzung des Weins wirken mit.

Auch die Flaschengröße und der Raum zwischen Wein und Verschluss beeinflussen die Lagerbedingungen.

Reifung führt nicht automatisch zu einem Qualitätsgewinn. Ein Wein entwickelt sich so lange, wie seine Zusammensetzung und die Lagerbedingungen es zulassen. Danach verliert er Aromen und Frische oder zeigt unerwünschte Noten. Eine einzelne Kennzahl, die das Trinkfenster eines konkreten Weins zuverlässig vorhersagt, gibt es nicht.

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