Verkosten und Grundwissen

Wein richtig riechen und Aromen erkennen

Die klassische Weinverkostung hat drei Phasen: Sehen, Riechen, Schmecken. Das Riechen am Glas, in der Verkostungssprache „Nase“ genannt, liefert vor dem ersten Schluck die meisten Informationen. Die Nase nimmt Frucht-, Kräuter- und Gewürznoten wahr, die der Gaumen allein nicht zeigt. Viele Weintrinker überspringen diesen Schritt und trinken direkt.

Düfte wahrzunehmen fällt leicht. Das gezielte Benennen ist die eigentliche Herausforderung. Klare Regeln und ein paar Schritte helfen, Aromen gezielt zu erkennen.

Warum die Nase mehr Aromen zeigt als die Zunge

Die Zunge unterscheidet süß, sauer, salzig, bitter und umami. Für die feinen Frucht- und Würznoten ist die Nase zuständig. Beim Riechen arbeiten zwei Systeme zusammen: das olfaktorische System, also das eigentliche Riechen, und das nasal-trigeminale System, das Reize wie Kühle oder Schärfe des Alkohols meldet. In der Riechschleimhaut sitzen Millionen geruchsempfindlicher Sinneszellen. Sie erneuern sich alle 30 bis 60 Tage. Sie nehmen Duftmoleküle auf und leiten die Information ans Gehirn weiter.

Das Gehirn speichert Düfte, ohne sie als angenehm oder unangenehm zu bewerten. Deshalb löst ein bestimmter Geruch oft sofort eine Erinnerung aus, etwa an den Obstgarten der Großeltern. Diese Verbindung zwischen Geruch und Gedächtnis nutzt auch die Weinverkostung: Wer Aromen erkennt, ruft gespeicherte Geruchserinnerungen ab.

Die richtige Temperatur und das richtige Glas

Bevor Sie riechen, sollten Temperatur und Glas stimmen. Weißwein servieren Sie kühl, Rotwein bei moderater Temperatur. Zu kalt verschließt der Wein seine Aromen. Zu warm tritt der Alkohol in den Vordergrund und überdeckt die feinen Düfte.

Auch das Glas entscheidet mit. Ein tulpenförmiges Glas mit sich verjüngender Öffnung bündelt die Aromen am Glasrand. Füllen Sie das Glas nur zu einem Drittel, damit genug Raum für die Duftstoffe bleibt. Halten Sie das Glas am Stiel, damit Ihre Hand den Wein nicht erwärmt.

So riechen Sie den Wein

Stellen Sie das Glas auf den Tisch und beugen Sie sich leicht darüber. Riechen Sie zuerst, ohne zu schwenken. So nehmen Sie die flüchtigen Aromen wahr, die direkt aus dem Wein aufsteigen. Danach schwenken Sie das Glas vorsichtig, damit sich die Aromen lösen und Sauerstoff an den Wein gelangt. Nun riechen Sie erneut, am besten mit mehreren kurzen Zügen statt einem tiefen. Kurze Züge führen frische Duftmoleküle an die Riechschleimhaut und verhindern, dass die Nase ermüdet.

Achten Sie beim Riechen auf drei Dinge: Intensität, Komplexität und Bouquet. Die Intensität sagt, wie deutlich der Duft wahrnehmbar ist. Die Komplexität sagt, wie viele verschiedene Düfte sich zeigen. Der Begriff Bouquet stammt ursprünglich von einem Strauß aus unterschiedlichen Blumen und steht für die Kombination verschiedener Düfte im Wein. Das Bouquet kann etwas über die Rebsorte verraten, über das Terroir, also Boden, Klima und Lage, und über die Ausbautechnik wie Holzfass oder Stahltank.

Aromen erkennen und benennen

Beginnen Sie mit spontanen Assoziationen. Was erinnert Sie an den Duft? Früchte, Kräuter, Blumen, Gewürze? Notieren Sie den ersten Eindruck, auch wenn er unsicher wirkt. Oft hilft es, den Wein mit bekannten Gerüchen zu vergleichen: Riecht er nach grünem Apfel, nach schwarzer Johannisbeere, nach Heu oder nach Vanille? Es gibt kein richtig oder falsch, solange der Vergleich ehrlich ist. Ihr persönliches Geruchsgedächtnis bestimmt, welche Assoziationen auftauchen.

Mit der Zeit erkennen Sie Muster. Ein junger Riesling duftet häufig nach Zitrus und Pfirsich, ein gereifter Barolo nach Teer und Rosen. Solche Zuordnungen lernen Sie durch den Vergleich vieler Weine. Wer regelmäßig riecht und benennt, erweitert sein Repertoire.

Das Geruchsgedächtnis trainieren

Wein riechen können Sie auch außerhalb des Glases üben. Riechen Sie bewusst an Gewürzen, frischen Kräutern, Obst, Blumen oder Kaffee, wenn Sie im Alltag daran vorbeikommen. Nehmen Sie den Duft kurz auf und benennen Sie ihn innerlich. So entsteht ein Vorrat an Geruchserinnerungen, auf den Sie beim Verkosten zurückgreifen.

Beim Wein selbst hilft ein einfacher Ablauf: erst der Grundduft, dann nach dem Schwenken die erweiterten Aromen, dann der Vergleich mit Bekanntem. Wer diese Schritte regelmäßig macht, braucht kein besonderes Talent. Die Fähigkeit, Aromen zu erkennen, wächst mit der Übung.