Weinverkostung klingt nach Prüfungsordnung und Fachjargon, ist aber im Kern einfach: Sie nehmen sich Zeit, sehen, riechen und schmecken bewusst, statt den Wein nur herunterzuspülen. Das hilft beim Einkaufen, beim Zusammenstellen von Speisen und vor allem beim Genuss.
Wer die wichtigsten Schritte der Verkostung kennt, versteht auch, warum gerade trockene Weiß- und Roséweine bei vielen Weintrinkern den Ton angeben.
Warum Riechen so wichtig ist
Unsere Nase leistet mehr, als die meisten vermuten: Forscher schätzen, dass Menschen über eine Billion verschiedene Gerüche unterscheiden können. Ein großer Teil dessen, was wir beim Trinken als Geschmack wahrnehmen, entsteht über die Nase. Manche Aromen nehmen wir nur über die Nase wahr, nicht auf der Zunge. Wer Wein bewusst verkosten möchte, sollte dem Riechen genauso viel Aufmerksamkeit schenken wie dem Schlucken. Gut zu wissen: Sie können trainieren, Aromen zu erkennen. Je regelmäßiger Sie an Wein riechen, Ihre Eindrücke benennen und mit bekannten Gerüchen wie Holz, Beeren oder Heu vergleichen, desto mehr Nuancen entdecken Sie.
So riechen Sie richtig
Neigen Sie das Glas um etwa 45 Grad, sodass die Öffnung zu Ihnen zeigt, und halten Sie die Nase hinein. Atmen Sie sanft durch die Nase ein, Sie müssen nicht kräftig schnüffeln. Ein ruhiger Atemzug genügt für den ersten Eindruck. Anschließend schwenken Sie das Glas kurz, damit der Wein die Glaswand benetzt und sich die Aromastoffe im Glas verteilen. Der zweite Riechgang nach dem Schwenken zeigt oft mehr als der erste, weil sich dadurch Alkohol und flüchtige Aromastoffe aus dem Glas lösen. Wer mag, kann diesen Vorgang zwei- bis dreimal wiederholen, bis sich der Geruch kaum noch verändert.
Diese Technik funktioniert mit jedem klassischen Weinglas. Wenn Sie nur ein einfaches Wasserglas zur Hand haben, ist das kein Hindernis, solange Sie den Wein darin schwenken können, ohne dass er überschwappt.
Schlucken und Abgang
Nehmen Sie einen mittelgroßen Schluck und lassen Sie den Wein kurz im Mund, bevor Sie schlucken. Bewegen Sie ihn dabei im Mund, sodass er Zunge, Gaumen und Wangen benetzt. Viele Verkoster kauen den Wein förmlich, also bewegen den Kiefer leicht auf und ab, damit sich der Wein gleichmäßig verteilt. Beim Schlucken achten Sie auf den Abgang, also darauf, wie lange der Geschmack im Mund und Rachen anhält. Ein langer Abgang gilt als Zeichen für einen gehaltvollen Wein, ein kurzer ist bei frischen, leichten Tropfen ganz normal. Auf der Zunge unterscheiden Sie die Grundkomponenten: Süße vorne, Säure an den Seiten und Tannine, also die leicht bittere Gerbstoffstruktur bei Rotwein, am Gaumen. Alkohol merken Sie als Wärme im hinteren Mundbereich.
Weiß und Rosé statt Rot
Beim Weiß- und Roséwein ist der Absatz in Deutschland nach Einschätzung des SWR-Weinredakteurs Dominik Bartoschek zuletzt gestiegen, während Rotwein an Boden verliert. Als Grund nennt er, dass viele Menschen leichtere Getränke mit weniger Alkohol und Kalorien suchen. Das Deutsche Weininstitut bestätigt die Richtung: Innerhalb der letzten fünfzehn Jahre hat sich das Angebot an deutschen Rotweinen fast halbiert, und zwar zugunsten von Weiß- und Roséweinen. Wer also neue Weine entdeckt, stößt heute häufiger auf trockene Weißsorten wie Riesling, Silvaner oder Grauburgunder. Diese Entwicklung macht die Verkostung nicht schwieriger, verlagert aber den Fokus: Es lohnt sich, auch leichte, frische Weißweine mit derselben Aufmerksamkeit zu prüfen wie einen opulenten Roten.
Was Verkosten mit Genuss zu tun hat
Bewusstes Verkosten verändert den Umgang mit Wein im Alltag. Wer beim ersten Schluck schon weiß, ob der Wein eher fruchtig, kräutrig oder mineralisch ist, kauft beim nächsten Besuch im Fachhandel gezielter und kann besser entscheiden, ob ein Wein zur geplanten Mahlzeit passt. Bei Verkostungsformaten kommt es nicht nur auf technische Merkmale an. Ein gutes Beispiel ist das Event „Wein trifft Musik": In neunzig Minuten werden fünf Weine mit fünf musikalischen Werken kombiniert, der Schwerpunkt liegt auf Geschichten über Herkunft, Rebsorte und Weingut sowie auf persönlichen Assoziationen. Klassische Bewertungen und richtig oder falsch spielen dort bewusst keine Rolle. Das zeigt: Verkosten ist kein Ritual für eingefleischte Kenner, sondern eine Methode, Wein mit allen Sinnen zu erfahren und eigene Vorlieben herauszufinden.
